{"id":11161,"date":"2024-03-19T17:14:44","date_gmt":"2024-03-19T16:14:44","guid":{"rendered":"https:\/\/lonews.de\/?p=11161"},"modified":"2024-03-20T16:20:35","modified_gmt":"2024-03-20T15:20:35","slug":"ein-tag-im-leben-von-herrn-froend-ein-tag-wie-kein-anderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lonews.de\/index.php\/2024\/03\/19\/ein-tag-im-leben-von-herrn-froend-ein-tag-wie-kein-anderer\/","title":{"rendered":"Ein Tag im Leben von Herrn Fr\u00f6nd: Ein Tag wie kein anderer!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir schreiben den 25. Januar 2024. Ein Tag wie jeder andere. Und doch ist es ein Tag wie kein<br>anderer. Ich erblicke das Licht des Tages um 6.30 Uhr, na ja, es ist nat\u00fcrlich noch dunkel. Da die<br>H\u00e4lfte der Familie sich gerade im Ausland befindet, ist es beim Fr\u00fchst\u00fcck seltsam still. Ich versuche,<br>meiner Frau, die gerade in Afrika arbeitet, eine Nachricht zu schicken. Aber immer noch haben wir<br>kein Wlan. Seit eine mir unbekannte Firma irgendwo im Nirgendwo bei Erdarbeiten<br>unvorsichtigerweise Glasfaserkabel durchgerissen hat, l\u00e4uft bei mir seit 4 Tagen nichts mehr.<br>Anscheinend ist der ONT zerst\u00f6rt, aber wer wei\u00df das schon. Alle haben sich schon so an die st\u00e4ndige<br>Erreichbarkeit gew\u00f6hnt, dass ein Ausfall von Internet und Telefon einer halben Katastrophe zu<br>gleichen scheint. Eine meiner T\u00f6chter arbeitet momentan in der Dominkanischen Republik, einer<br>Insel in der Karibik in Mittelamerika. Sie macht dort, nach dem Abitur im letzten Jahr, ein freiwilliges<br>Jahr mit Unterst\u00fctzung des Bistums M\u00fcnster mit dem Programm \u201eWeltw\u00e4rts\u201c. Auch von ihr habe ich<br>keine WhatsApp erhalten. Schade. Informationen aus der Schule erreichen mich zuhause deshalb<br>ebenfalls nicht. Logisch.<br>Wie gewohnt fahre ich mit dem Fahrrad zur Schule, das dauert ca. 12 Minuten, ich parke am St\u00e4nder<br>neben den Hausmeistergaragen. Zun\u00e4chst arbeite ich an meinem Schreibtisch im Lehrerzimmer,<br>bevor ich dann mit dem Unterricht in Raum 1.02 in der Q1 mit Deutsch beginne. Wir behandeln in<br>diesen Wochen den Roman \u201eDer Trafikant\u201c, der nat\u00fcrlich auch abiturrelevant ist. Nach der gro\u00dfen<br>Pause unterrichte ich Musik in der 10b. F\u00fcr etliche Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ist es wohl heute die<br>letzte Musikstunde in ihrem Leben \u2013 falls sie n\u00e4chstes Jahr Kunst und sp\u00e4ter Literatur w\u00e4hlen. Aber<br>irgendwie ist das alles noch weit weg. Wir sprechen u.a. \u00fcber Apps, die man auch in Zukunft allein<br>ausprobieren bzw. nutzen k\u00f6nnte. In der zweiten Pause fragen mich zwei Sch\u00fclerinnen, ob ich \u00fcber<br>einen Tag aus meinem Leben schreiben k\u00f6nnte \u2013 f\u00fcr die LoNews, und bis zu den Osterferien. Das<br>mache ich gern, wei\u00df aber, dass so etwas gar nicht immer so einfach ist. Und ich denke: Wor\u00fcber soll<br>ich schreiben? Was ist \u00fcberhaupt interessant? Was kann ich \u00fcber mich preisgeben und was sollte ich<br>lieber nicht ver\u00f6ffentlichen?<br>Nach dem Mittagessen geht es mit dem Zeitungsprojekt in der 8a im Raum 3.24 weiter. Wie fast<br>immer wurde vergessen, die geschenkten Westf\u00e4lischen Nachrichten, die jeden Tag am<br>Haupteingang liegen, in der Klasse zu verteilen. Kein Problem. Dann holen wir sie schnell. Und schon<br>flitzt jemand los. Wir behandeln gerade die diversen Formen von Zeitungsartikeln \u2013 Bericht,<br>Kommentar, Glosse, Reportage usw. Frau Goldkuhle h\u00e4lt ihre letzte Stunde, bevor sie nach dem<br>Halbjahreswechsel in eine andere Klasse wechselt. Am Nachmittag unterrichte ich wieder im<br>Musikraum. In der Q1 behandeln wir gerade das Thema Musik &amp; Politik, bzw. gesellschaftliches<br>Engagement von Musikern, u.a. an dem Beispiel des romantischen K\u00fcnstlers Franz Schubert und dem<br>modernen, vielen eher unbekannten Kurt Weill. Ein Sch\u00fcler beschwert sich pl\u00f6tzlich \u00fcber seinen<br>Mitsch\u00fcler, dieser habe eine ChatGPT-Seite \u00fcber ihn generiert und ihn als Terroristen dargestellt. Ich<br>wusste gar nicht, dass das geht. Man lernt jeden Tag noch etwas dazu. Wir einigen uns darauf, dass<br>wir die Angelegenheit mit den Tutoren kl\u00e4ren (was wir dann in den folgenden Tagen auch taten).<br>Durch die gro\u00dfe Glasscheibe des Musikraums sehe ich einen \u00e4lteren Herren, der immer hin und her<br>zu laufen scheint. Er tr\u00e4gt einen gro\u00dfen Stock in der Hand und spricht vereinzelt mit<br>vorbeikommenden Passanten. Eine Sch\u00fclerin bringt mich auf die Idee, dass dieser Mann verwirrt<br>erscheint. Wir \u00f6ffnen das Fenster und sprechen den Herrn an. \u201eThank you, thank you!\u201c, sagt er<br>immer wieder. Der Mann scheint sich sehr gut mit Grammatik auszukennen und fragt uns etwas zu<br>grammatikalischen F\u00e4llen, auch in Latein. \u201eThank you, thank you!\u201c Jemand im Kurs meint, vielleicht<br>ist es ein pensionierter Lehrer? Ich entscheide, dass wir doch Hilfe holen sollten, zwei Sch\u00fclerinnen<br>laufen zum Sekretariat und sagen Bescheid. Ich bekomme w\u00e4hrend des Unterrichts \u00fcber Teams<br>\u00fcberraschend eine Nachricht, ob ich um 18 Uhr bei einer Gedenkfeier f\u00fcr eine gerade verstorbene<br>Sch\u00fclerin aus F\u00fcchtorf Musik spielen k\u00f6nne. Also in 3 Stunden? Nun gut, ich sehe es als eine<br>Selbstverst\u00e4ndlichkeit an und sage zu. Wie aus dem Nichts klingelt pl\u00f6tzlich mein Handy in meiner<br>Tasche. Ich wundere mich selbst, dass es gar nicht aus ist. Meine Tochter ruft aus der<br>Dominikanischen Republik an. Ich wei\u00df, dass sie mit der verstorbenen Sch\u00fclerin eng befreundet war<br>und sage kurzentschlossen zum Kurs:\u201e Es tut mir leid, das ist mir noch nie passiert, aber ich muss<br>rangehen.\u201c Meine Tochter fragt mich, ob ich abends in der Kirche spielen kann. Anscheinend scheint<br>sie mit den anderen Organisatoren in engem Kontakt zu stehen. Ich bejahe das und wir beenden das<br>Gespr\u00e4ch. Es k\u00f6nnte ihr besser gehen.<br>Um 18 Uhr beginnt die Gedenkandacht. Es ist ein besonderer Moment. Fast die komplette Stufe der<br>ehemaligen Abiturienten (\u201eQ3\u201c) scheint gekommen zu sein. Es geht allen sehr ans Herz. Frau Niehoff<br>nennt mir ein Lied aus dem grauen Gotteslob, dass ich spielen und singen mag. Interessanterweise<br>stelle ich fest, dass die Noten gar nicht zur eigentlichen Melodie passen. Egal, dann muss es eben aus<br>dem Kopf gehen. Die Gemeinde singt gut mit und ein Gef\u00fchl von Gemeinschaft ist zu versp\u00fcren. \u00dcber<br>einen Beamer werden Gruppenfotos mit strahlenden Gesichtern aus der Vergangenheit an die wei\u00dfe<br>Kirchenwand geworfen. Ein paar Mal sehe ich auch meine Tochter in gro\u00df. Da ich sie seit sieben<br>Monaten nicht mehr gesehen habe, ist das pl\u00f6tzlich gar nicht einfach f\u00fcr mich. F\u00fcr das Ende hat sich<br>das Vorbereitungsteam, aus den engsten Freundinnen bestehend, Musik aus der Bluetoothbox<br>\u00fcberlegt. Als die Musik endet, bleiben alle in Stille sitzen und sp\u00fcren den traurigen Moment. Das<br>Team ist dankbar, als ich mich nach gut zwei Minuten entscheide, zum Auszug Musik auf dem Klavier<br>zu spielen, einfach so, damit der Auszug der Menschen nicht in Stille erstarrt. Viele Tr\u00e4nen flie\u00dfen<br>noch. Leise, aber mehrfach, h\u00f6rt man das Wort \u201eDanke\u201c.<br>Ich komme schlie\u00dflich nach Hause. Nach dem Abendessen macht meine j\u00fcngere Tochter aufgrund<br>von Symptomen einen Corona-Test &#8211; POSITIV. Es tut mir nat\u00fcrlich leid. Wir nehmen vorsichtshalber<br>voneinander Abstand und bereiten uns auf den morgigen Tag vor.<br>Sp\u00e4t abends \u00fcberpr\u00fcfe ich noch einmal meine Nachrichten auf dem Handy. Der Gitarrist der Band,<br>mit der ich freitags oft probe, hat sich \u00fcberraschenderweise entschlossen, die Band endg\u00fcltig zu<br>verlassen. Dabei sollte doch eigentlich am 14. April ein gemeinsamer Auftritt sein! Ich bin schon<br>etwas irritiert und entt\u00e4uscht. Und es ist klar, das dies nun das Ende der Band bedeutet.<br>Ein Tag wie jeder andere. Und doch ein Tag wie kein anderer.<br>Na dann, gute Nacht! Alles wird gut, denn morgen hei\u00dft es wieder\u2026.<br>Eiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinen wundersch\u00f6nen guten Mooooooooooorgen!<br>JD Fr\u00f6nd<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>P.S. Dieser Text wird in K\u00fcrze vertont. Falls euch dieser Text gefallen hat, kauft den Song, dann wird es sicher ein Welthit! Thank you, thank you!!!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir schreiben den 25. Januar 2024. Ein Tag wie jeder andere. Und doch ist es ein Tag wie keinanderer. 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