„Dann hätte ich persönlich nicht so Bock auf den Tod“

Was wäre, wenn es Gott nicht gäbe? Und was, wenn es ihn gäbe?

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so behilflich sein, dass ich dir sage, du hast schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“

Ich weiß, das habe ich dreist abgeschrieben von Bertolt Brecht.

Eine Erklärung zu dieser kleinen Geschichte findet man in Büchern und im Internet, aber auch bei Freunden, die Theologie studieren. Die Frage, was passieren würde, wenn es sicher wäre, dass es Gott gibt oder nicht gibt, ließ mir keine Ruhe. Doch der Impuls des Herrn K. hat meinen Gedanken zu diesem Thema auf die Sprünge helfen können.

Der Fakt, dass selbst Atheisten durchaus eine Religion haben können und vielleicht einen Gott brauchen, gibt dem Thema „Was, wenn es Gott gibt/nicht gibt?“ eine neue Dimension. Auf einmal wurde mir klar, dass Gott einen viel größeren Teil im Leben vieler Menschen einnimmt, als man das zunächst annehmen könnte.

Ich hätte mich zuvor als nicht besonders gläubig bezeichnet, schließlich gehe ich ungern zur Kirche und bete nicht einmal täglich. Aber ich denke viel an Gott und frage mich darüber hinaus relativ oft, ob es ihn gibt. So manches unerwartet Positive, was mir im Leben passiert, schiebe ich auf Gott. So ist für mich klar, dass sich etwas ändern würde, wenn es Klarheit bezüglich der göttlichen Existenz gäbe.

Gesetzt den Fall, Gottes Existenz wäre gesichert: Der Druck würde immens steigen, seine Handlungen stetig nach und auf Gott auszurichten. Der Drang würde zunehmen, einige Regeln aufzustellen, um so zu leben, dass man dieses Leben mit seinem Verhältnis zu Gott vereinbaren kann. Streit und Kriege um die „richtige“ Lebensweise würden geführt. Die Frustration einiger, Gott habe sie noch immer nicht erhört, Atheisten, die auf einmal in Bedrängnis kommen, ihre Sichtweise sei die absolut Falsche, all dies wären, meiner Meinung nach, denkbare Geschehnisse, würden wir erfahren, dass es Gott wirklich gibt. Doch die Gewissheit der Existenz Gottes hätte auch etwas Regulierendes: Alle wären sich bewusst, dass es eine höhere Instanz gibt und vielleicht würden diejenigen, die sich im Alltag so benehmen, als seien sie das größte im Weltall, nun auf den Boden schauen, ohne den sie sich nicht so hoch strecken könnten.

So würde Gottes gesicherte Existenz eine Art „Glaubensdruck“ nach sich ziehen, wobei ich der Ansicht bin, dass Glaube und Druck keine zwei Begriffe sind, die miteinander in Verbindung gebracht werden sollten. Die Gewissheit würde den Glauben verdrängen. Die Gewissheit könnte zudem Hoffnung auf eine Besserung des eigenen Lebens verdrängen, da Gott ja ganz sicher bei uns ist, aber einfach nichts tut. Unter anderem besteht die Möglichkeit zur Bildung einer Einheit (im Sinne einer Vereinigung aller Menschen), wobei ebenfalls eine solche Konstellation mit Vorsicht zu genießen ist, da man nicht weiß, ob wir Menschen hier im All tatsächlich die Einzigen sind. Ich will nicht anfangen zu fantasieren doch was, wenn andere Spezies das Weltall mit uns teilen und wir uns gegen sie stellen würden? Meiner Meinung nach ist hier ein Desaster vorprogrammiert: Wir würden für unseren Gott kämpfen, aber was, würde sich herausstellen, dass andere Spezies ebenfalls ihre eigenen höheren Existenzen hätten? Es ist wohl eine sehr fantasierte Idee, aber man kann nie wissen wie nah man mit dem Unlogischstem doch an der Wirklichkeit liegt.

Doch was, wenn Gottes Existenz nicht gesichert wäre? „Dann hätte ich persönlich nicht so Bock auf den Tod“, hat mir ein Bekannter offengelegt. Eine tiefgründige Verankerung verbirgt sich hinter diesem auf den ersten Blick etwas zu „flapsigen“ Satz. Denn er drückt ein Gottvertrauen aus – das Vertrauen weiter zu existieren, wenn auch nicht mehr in Fleisch und Blut. Es ist der Glaube daran, dass Gott für mehr als nur das Leben verantwortlich ist. Und nun schaue man sich an, was in Menschen durch die Gewissheit der Nichtexistenz Gottes angerichtet würde. Man hätte nicht nur „keinen Bock auf den Tod“, sondern sicherlich auch Panik, Angst und Schrecken, wären sicherlich Punkte, mit denen wir Menschen ringen würden. Hoffnungs- und Antriebslosigkeit, wenn ein geliebter Mensch geht, da dieser nicht noch einmal leben oder gar in ein ewiges Paradies gehen dürfte, nachdem sein Leben auf der Erde geendet hat. Nicht nur bezogen auf den Tod hätte die Gewissheit der Nichtexistenz Gottes Folgen – auch für das Leben: Im Hinblick auf die Erlösung von Bürden, die so manch einer täglich mit sich trägt, wären die betroffenen Menschen sicherlich verzweifelt, dass ihre letzte Hoffnung, Gott, bloß ein Trugbild ihrer Fantasie ist.

So wäre auch Gewissheit über Nicht-Vorhandensein Gottes eine derart tiefgreifende Erkenntnis, dass Veränderungen nicht vermeidbar wären.

Was wäre, wenn es Gott nicht gäbe? Und was, wenn er wäre – es ist ein Thema ohne Antwort. Ein Thema, von dem wir nie wissen, ob wir darauf jemals eine Antwort bekommen. Und doch existiert in so vielen Menschen die Überzeugung, die Antwort bereits zu kennen und folglich daraufhin das eigene Leben auszurichten.

Mir persönlich stellte sich schon wiederholt die Frage: Wo ist Gott? Ich schwanke immer zwischen zwei Möglichkeiten, die jedoch einmal die Existenz und zum anderen eine nur auf menschliche Gedanken beschränkte Existenz Gottes zeigen.

Bild eins ist, dass Gott um uns alle und überall ist und so das bewirkt, was uns zum Nachahmen der Taten anregt, die Menschen ihm – Gott – zuschreiben. In diesem Bild ist Gott eine Erscheinung von außen, weswegen wir hier von einer Existenz Gottes sprechen könnten.

Bild zwei zeigt uns Menschen und in jedem von ihnen ein kleines Stückchen Gott. Doch ist dieser Gott nur in uns, den Menschen, da nur wir an seine Existenz glauben und so leben wie wir meinen, dass es uns unser innerster Kern aufzeigt. Hierbei können wir nicht wirklich von einer göttlichen Existenz sprechen, da dieses kleine Stückchen Gott nur aus uns selbst herauskommt.

Natürlich will ich aber nicht abstreiten, dass sich beide Phänomene auch durchaus ergänzen können. Beides zusammenzubringen ist auch in unserer säkularisierten Welt noch nichts Ungewöhnliches. Es findet sogar Eingang in die Alltagskultur und bewegt Kinderhelden. Wie sagt Dumbledore zu Harry Potter: „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“Ein Essay con Corinna

Ein Essay von Corinna Dercks aus dem GK Religion

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